Ich bin in dieser Woche auf einen guten Übersichtsartikel zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage der Menschen in Russland gestoßen. Hier wird auch stark auf das Thema des sinkenden außenwirtschaftlichen Überschusses Russlands eingegangen, das auch hier schon einmal scharf diskutiert wurde. Der Artikel stammt von Roman Dobrokhotov, von der Tageszeitung “Novije Izvestiya”.
“Jedes mal wenn ich meinen Kühlschrank öffne überkommt mich ein Gefühl tiefen Stolzes auf unsere Wirtschaft. Wie auch viele andere Russen habe ich mich in den letzten Jahren von denjenigen die “gerade genug zum Essen” haben zu den die “Kleidung und Hausgeräte kaufen” entwickelt - eben dieser Tätigkeit widmen wir, die neue Mittelklasse, den Großteil unserer Freizeit. Und es ist nicht so wichtig, dass es keinen Sinn macht auf eine Wohnung zu sparen - je länger man spart, desto weiter ist man vom Kaufpreis entfernt - aber der Kühlschrank ist neu und voll. Schon bei den Gebrüder Strugatzki (bekannte russ. Autoren, Anm. Rusinform) hat eine unserem kleinen Glück ähnliche Geschichte ein trauriges Ende genommen. So habe ich auch was uns angeht eine mulmiges Gefühl. Etwas ähnliches fühlen wahrscheinlich auch die Lämmer, die gefüttert werden, um später geschlachtet zu werden.
Die Statistik erscheint sehr positiv. Seit 2000 ist das BIP um zwei Drittel gewachsen und das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung hat sich (nach der offiziellen Statistik) verdoppelt. Die Goldreserven sind bald bei einer halben Trillion Dollar und all das soll uns und die potentiellen Investoren beruhigen. Beim genaueren Hinhören merkt man aber in der Vorwahlzusammenfassungen der wirtschaftlichen Lage, dass alle Errungenschaften des Staates sich auf die eine oder andere Art auf die hohen Budgetausgaben zurückführen lassen. Geldausgeben ist keine große Kunst, obwohl sogar das in die Hose gehen kann. So kommt in Russland nach Angaben der Weltbank nur ein Fünftel der für sozialen Staatsausgaben bei den Bedürftigen an. Die wichtigste Frage ist aber die, wie wir das Geld verdienen. Und ob wir es überhaupt “verdienen”.
Seit 2000 geht der Anteil der Mineralöl- und Erdgasprodukte einfach nicht nach unten. Vielmehr stieg er von 54% auf 65%. Der Anteil des Maschinenbaus am Export war schon vor 7 Jahren nicht sehr groß (7,5%) und hat nun 5,8% erreicht. Alles was wir dem Ausland anbieten können ist Öl, Gas und Rohmetalle. Die Preise dafür steigen und damit unsere Exporteinnahmen, die Löhne steigen und der Kühlschrank wird immer voller. Er füllt sich mit dem polnischen Fleisch, den marokkanischen Orangen und anderen importierten Leckereien. Und der Kühlschrank selbst wurde auch nicht von einheimischen Firmen hergestellt.
Der Import wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit, selbst die moderaten Analytiker, wie Anatolij Chubajs, sehen den Außenüberschuss bei Null in nur zwei Jahren. Das Finanzministerium versucht schon mit allen Mitteln, das Wachstum der Ausgaben in der Bevölkerung zu dämpfen, aber was macht man mit Menschen, bei den sich bereits ein gewisser Konsumstandard verfestigt hat? Es ist viel einfacher sich an einen praktischen neuen Kühlschrank oder ein cooles Handy zu gewöhnen als zu lernen wieder ohne diese Errungenschaften zu leben. So wie es aussieht, werden wir aber letzteres müssen. Die Produktivität wächst bei uns um 7%, während die Löhne um 17% steigen. Mit anderen Worten wir verbrauchen unser Geld schneller, als wir lernen es zu verdienen. Und das heißt, dass das Wachstum der Preise (selbst das offizielle) in der nächsten Zeit schneller sein sollte als der Lohnzuwachs.
Das Problem ist, dass die Schwierigkeiten in der russischen Wirtschaft schneller anfangen könnten als uns lieb ist. Die Investoren leben immer in der Zukunft, sobald sie sehen, dass das Wirtschaftswachstum in Russland an seine Grenzen kommt, werden sie anfangen das Geld abzuziehen. Werden sie anfangen, oder haben sie bereits angefangen? Nun, die Zentralbank prognostiziert eine Halbierung der Kapitalzuflusses in diesem Jahr im Vergleich zum letzten. Und das auch nur wenn die Weltwirtschaft so weiterläuft wie bisher - bei den ersten Anzeichen einer weltweiten Instabilität gehen die Investoren immer zuerst aus den risikoreichsten Märkten, zu diesen gehört auch Russland.
Es muss also etwas geschehen, aber wie es sich herausstellt ist es heute viel schwerer als noch im Jahr 2000. Zur Entwicklung ist eine gute Infrastruktur nötig, diese ist aber, während die Bürger Einkaufen gegangen sind, mit Gras bewachsen. Wegen der fehlenden Investitionen gehen die Straßen kaputt. In den letzten 7 Jahren hat sich ihre Länge um 50.000 Kilometer reduziert, 60% der Eisenbahngleise bedürfen der Reparatur. Die arbeitsfähige Bevölkerung wird, nach den Daten des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, von 89 auf 77 Millionen im Jahr 2020 runtergehen. Nicht besser sieht es mit dem Geschäftsklima aus. Während die Quote der Kleinunternehmer bei 2% liegt, normal sind 10%, stieg die Zahl der Beamten von 1999 um 50% an. Zusammen mit der Bürokratie ist das Niveau der Korruption von 40 Milliarden Dollar in 2001 auf 300 Milliarden in 2007 gestiegen.
Das alles sind Probleme des Wirtschaftssystems, diese werden auch von einem Ölpreis von 200, 300 oder 1000 Dollar pro Barrel nicht gelöst. Natürlich verstehen die hohen Staatsbeamten dies - noch mehr, sie sprechen auch ständig darüber. Und wir teilen deren ehrliches Problembewusstsein, sind aber still dabei - denn “wenn ich esse bin ich stumm und taub (russ. Kindsprichwort. Anm. Rusinform).”
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Veröffentlicht in Gesellschaft, Wirtschaft | Schlagworte: Außenhandelsbilanz, Ölpreis, Lohnwachstum, Mittelklasse, Statistik

